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Ich bin dunkelhäutig. Das nur zur Info.
Die Farbe habe ich von den Eltern. Die sind ja auch aus Holland.
Ok, ernsthaft: Meine Vorfahren stammen aus der Karibik.
Mein Vater und meine Mutter sind zwei intelligente Menschen, die nicht so viel Bildung genossen haben.
Die hätten sie sicherlich gerne genossen, wenn entsprechende Bildung für sie verfügbar gewesen wäre.

Bei uns in der Famile gab es die Angewohnheit, erst mal Fehler zu machen, dann darüber zu lachen, dann sagt man „Sorry“. Es wird gemeinsam gelacht und dann wird entschuldigt, dass das doch nicht so schlimm ist.

Beispiel: Meine Mutter hatte mal mein Kopfkissen, das sie für mich genäht hatte, in die Waschmaschine gesteckt. Die ganze Füllung ist geplatzt. Kissen also kaputt. „Sorry.“ Wir lachen. Ist doch nicht so schlimm. Wirklich nicht, die Waschmaschine war viel ärmer dran. Mein Vater musste sie auseinander bauen und wir haben gesellig Stück für Stück den Schaumstoff aus jeder Ecke gepiddelt.

Als Niederländerin mit Migrationshintergrund war ich in der Grundschule nicht die Hellste.
Das merkte ich daran, dass ich Unterrichtsinhalte, Erklärungen oder Aufgaben oft nicht oder falsch verstanden habe.

Der Lehrer schaut nach seiner Erläuterung erwartungsvoll in die Runde: „Alles verstanden?“ Ich hebe zögerlich meine Hand: „Nein.“ Er: „Was nein?“ Ich: „Ich habe es nicht verstanden.“ Die Klasse lacht. Ich werde rot. Zur Info: Ja, das kann ich auch. Lehrer: „Wie lautet denn Deine Frage?“ Mit dem Keine-Ahnung-Schultern-Zucken kriegt man die Schultern nie hoch genug gezogen um den Kopf vollständig einziehen und in sich verschwinden lassen zu können. In dem Moment wünschte ich mir, ich wäre eine Schildkröte.

Wenn ich zu Hause nachfragte, gab es eine kluge Antwort von meiner Mutter: „Schatz, das weiß ich auch nicht.“ Und ich blieb alleine mit einer dicken Enzyklopädie-Reihe. Durstig auf der Suche fand ich einen Haufen interessanter Sachen … alles – außer einer Antwort auf meinen Fragen.

Bei mir kam irgendwie alles immer rüber wie Sachaufgaben.
Bauer Bert hat zwanzig Kühe. Nachts liegen sie im Stall und am Tag essen sie Gras. Wie viele Hühner liegt das Ei?
Häh…?? Ja genau, so klingt es, wenn Du solche Aufgaben nicht verstehst.
Die wirkliche Frage lautete: „Wie viel Milch gibt eine Kuh?“ Und dann gefolgt von: „Mylgia?“ Ich überlegte ganz schnell und dann fiel mir ein: „Das kann man an den Flecken sehen.“
Die Klasse brüllt. Ich wusste nicht warum.

Wenn Lehrer versuchten, mir zu helfen etwas zu korrigieren, klang das ungefähr so: „Guck mal, da steht XY und Du hast das so und so gemacht…“ Dann war ich – während er oder sie weiter Blablabla machte – mit dem Gedanken beschäftigt: Das stimmt, das habe ich doch genauso gemacht? Oder sollte ich das nicht? Wo ist denn jetzt das Problem?

Die Krönung gab es in der 4. Klasse. Sexualkunde. Die Lehrerin hatte uns gerade beigebracht, dass wenn der Samen des Mannes mit dem Ei einer Frau zusammenkommt ein Baby entsteht.
Das ergab für mich noch nicht genug Sinn und ich hakte nach: „Schweben die Samen und Eier dann so durch die Luft?“
Die Klasse wälzt sich auf dem Boden vor Lachen und kriegt sich gar nicht mehr ein. Die Frage jedoch blieb unbeantwortet. Es ist mir bis heute ein Rätsel… Wie ich das hätte wissen sollen.

So ist es, wenn man sich dumm fühlt. Es fehlen einfach Informationen um alle Zusammenhänge zu verstehen. Während vorausgesetzt wird, dass man das doch schon alles wissen sollte. Ist doch klar!
Bevor ich meinen Finger hebe um eine Frage zu stellen – und damit preisgebe: „Das weiß ich nicht, schau mal wie doof ich bin“ – hatte ich irgendwann entschieden, einfach nichts mehr zu fragen. Und damit es nicht auffällt, dass ich „nichts weiß“ habe ich zur Sicherheit auch gleich aufgehört zu reden (und dafür dann angefangen zu tanzen – was auch holprig begann)

Für meine Eltern stand auf dem Bildungsweg nicht viel zur Auswahl. Ich musste mich, um gut zu lernen, immer fleißig anstrengen. Konnte aber mit der Zeit auch gut aufholen. Es wird wohl immer Themen geben, bei denen man, ob man möchte oder nicht, es akzeptieren muss, unwissend zu bleiben.
Mein pubertierender Sohn – apropos: Hab’s doch rausgekriegt mit den Babys – ist ein echter Glückspilz und kommt locker durch am Gymnasium. Wenn ich merke, dass er sich keine Mühe gibt für die Schule, muss ich immer fleißig Kopfschütteln. „Mam, sorry, ich wusste die Aufgabe nicht. Ist doch nicht so schlimm.“ Ich weiß nie: „Weißt Du jetzt etwas wirklich nicht oder interessiert es Dich einfach nicht?“ Er: „Keine Ahnung. Ist mir egal.“

Möchtest Du Dich ab und zu auch schlauer fühlen? Da hilft Dir auf jeden Fall dieser Tipp. Lese! Lese Bücher!! Lese Witzbücher!!! Okay, das waren fast drei … Tipps.
Humor hilft Dir, Dinge leichter zu nehmen. Hast Du einen Witz nicht verstanden, dann hast Du wenigstens wieder etwas gelesen. Hast Du einen Witz kapiert, dann folgt direkt die Belohnung. Du lachst. Lachst Du nicht, dann war der nicht lustig, dann hast Du wenigstens wieder etwas gelesen. Aber bei jedem Witz über den Du lachst ist es eine Bestätigung, dass Du schlau bist und dann kannst Du Dich zusätzlich auch noch darüber freuen.

Es hat mir enorm geholfen das Prinzip umzukehren: Lieber die Klasse zum Lachen zu bringen als Dich auslachen zu lassen.
Inzwischen kann ich auch alles verstehen. Nur manchmal halt ein bisschen anders. Den Komplex, den ich früher hatte, habe ich komplett abgelegt und das Reden habe ich wieder dazu gelegt. Der Pausenclown blickt manchmal (mein Mann sagt: etwas mehr als manchmal) noch durch, weil ich Spaß daran gefunden habe nachzufragen. Es gibt bekanntlich keine doofen Fragen, aber es gibt auf jeden Fall die schöne Antwort: „Das ist aber eine schlaue Frage.“

Heute kann ich sagen: Wenn Du etwas nicht weißt, dann ist das an sich nicht dumm.
Sondern nur, wenn Du weißt, dass Du etwas nicht weißt, was Du wissen solltest und trotzdem nicht nach einer Antwort suchst … dann ist das auch nicht dumm – es hat aber zumindest Verschlauungspotential.